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24.02.2026

Als Reitnau Lindau das Ja-Wort gegeben hat

50 Jahre Eingemeindung: Wie Reitnau Teil von Lindau wurde

„Wir haben versucht, für unsere Gemeinde und unsere Bürger das Beste herauszuholen. Ich glaube, dass das gelungen ist. Wir haben keine utopischen, sondern reale Vorstellungen entwickelt.“ Mit diesen Worten hat Fidel Härle, der letzte Bürgermeister Reitnaus, Anfang November 1975 den Eingemeindungsvertrag mit der großen Kreisstadt Lindau kommentiert. Nur wenige Wochen später endete in der Silvesternacht die Existenz Reitnaus als eigenständige Gemeinde: Am 1. Januar 1976 wurde Reitnau offiziell Teil der Stadt Lindau.

Dieser Zusammenschluss jährt sich 2026 zum fünfzigsten Mal. Der Weg dorthin verlief nicht gradlinig. Er war geprägt von Diskussionen, Verhandlungen und Erwägungen. Im Mittelpunkt standen politisch-rechtliche Rahmenbedingungen sowie die Frage, wie die Bürgerinnen und Bürger Reitnaus zu dem Zusammenschluss standen.

Auslöser: Bayerische Gebietsreform

Auslöser war die Gebietsreform, die Anfang der 1970er Jahre bayernweit in Kraft trat und auf allen drei Verwaltungsebenen (Regierungsbezirke, Landkreise, Gemeinden) die räumliche Struktur veränderte. Die Reform sollte die kommunale Selbstverwaltung stärken und die Effizienz sowie die Bürgernähe der Verwaltung erhöhen. Ein zentrales Element waren Eingemeindungen. Das Ziel: Größere und leistungsstärkere Gebiete zu schaffen. Diese sollten in der Lage sein, moderne Infrastruktur wie Straßen, Wasserleitungen, Kanäle oder Sportanlagen zu finanzieren.  Die Zahl der selbstständigen Gemeinden ging damit stark zurück. Von 7073 Gemeinden blieben im Jahr 1978 nur noch 2052 übrig. Zuspruch fanden die Reformen nur selten. Die Folge waren Protestaktionen und emotionale Diskussionen über Selbstständigkeit und Identität. 

Auch Reitnau sah sich ab 1975 mit den Folgen der Gebietsreform konfrontiert: Die von der Regierung vorgegebene Freiwilligkeitsphase lief ab, es drohte eine Zusammenlegung „von Amts wegen“. Der Gemeinderat vertrat die Ansicht, dass Reitnau seinen Willen zur Gebietsreform bereits 1971 gezeigt habe. In diesem Jahr hatten sich die beiden Ortsteile Ober- und Unterreitnau zu einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen. Wegen seiner Lage sowie seiner finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität, nahm Reitnau aus Sicht des Gemeinderats eine Sonderrolle ein und sollte dementsprechend behandelt werden. Als aufstrebender Urlaubsort sei die Gemeinde in der Lage, ihre Aufgaben allein zu bewältigen. Die Aussicht auf eine Anerkennung dieser Sonderrolle erschien jedoch äußerst gering. Daher prüfte der Gemeinderat mehrere Optionen, um einer Zwangszusammenlegung zu entgehen.

Mögliche Zusammenschlüsse und Alternativen

Das Bayerische Staatsministerium des Innern, die Regierung von Schwaben und das Landratsamt befürworteten eine Verwaltungsgemeinschaft der Gemeinden Reitnau, Wasserburg, Nonnenhorn und Bodolz mit Sitz und Namen Wasserburg. Weitere Möglichkeiten waren eine Verwaltungsgemeinschaft mit Weißensberg, Sigmarszell und Hergensweiler, eine Einheitsgemeinde mit Weißensberg und Bodolz oder der Anschluss an die Stadt Lindau.

In mehreren Sitzungen diskutierten die Mitglieder des Reitnauer Gemeinderats über die Vor- und Nachteile der vier Varianten. Zudem trafen sich Franz Xaver Strodel, 1. Bürgermeister, und Fidel Härle, 2. Bürgermeister, sowie weitere Gemeinderäte mehrmals mit Vertretern der Nachbargemeinden, um gemeinsame Interessen, Leitlinien und Kompromisse auszuloten. Schnell wurde klar, dass die von der Regierung gewünschte Viererkombination nur schwer umzusetzen war. Wasserburg, Nonnenhorn, Bodolz und Reitnau konnten sich Mitte Juli 1975 bei wichtigen Detailfragen nicht einigen. Im Gegensatz dazu stand der positive Austausch mit dem damaligen Lindauer Oberbürgermeister Josef Steurer. Regierung und Landrat räumten dieser Möglichkeit des Zusammenschlusses allerdings wenig Chancen ein. Mit der Ernennung Lindaus zur großen Kreisstadt und der Nichteingliederung des Restkreises in einen anderen Landkreis sei bereits eine Vorentscheidung getroffen worden. Eine Zusammenlegung von Lindau mit anderen Seegemeinden oder Reitnau sei dadurch kaum erreichbar.

Der Neugliederungsvorschlag des Gemeinderats

Am letztmöglichen Abgabedatum Mitte September 1975 reichte der Gemeinderat seinen Neugliederungsvorschlag ein. Angesichts erheblicher Vorleistungen, einer guten wirtschaftlichen Lage und positiver Zukunftsaussichten, sprach sich das Gremium einstimmig für den Erhalt der Selbstständigkeit aus. Für den Fall einer Ablehnung durch das Bayerische Staatsministerium des Innern beschloss der Gemeinderat jedoch vorsorglich mit 8 zu 5 Stimmen die Eingliederung in die Stadt Lindau. Voraussetzung dafür war ein Eingemeindungsvertrag, der die Interessen Reitnaus gebührend umfassen sollte.  

Zur Begründung verwies der Gemeinderat auf die wirtschaftlichen, verkehrsmäßigen, versorgungstechnischen und kulturellen Verflechtungen mit der Stadt.  Genannt wurde unter anderem das nach Lindau ausgerichtete Straßennetz, die hohe Auspendlerquote, die Stromversorgung durch die Stadtwerke Lindau, die schulische Zugehörigkeit zu Lindau-Aeschach und die Nutzung der Lindauer Kulturangebote.

Die bereits vorhandene arbeitsteilige Verwaltung würde einen reibungslosen Verwaltungsablauf, einen niedrigen Verwaltungsaufwand und die Übernahme des Gemeindepersonals garantieren. Durch die Konzentration vieler Geschäfte, Einrichtungen und Behörden könnten die Reitnauer in Lindau zudem mehrere Angelegenheiten wie z.B. Arztbesuche, Einkäufe oder Behördengänge gleichzeitig erledigen. Außerdem verwies der Gemeinderat auf die geheime Bürgerbefragung, die am 7. September 1975 durchgeführt wurde, um den demokratischen Willen der Reitnauer zu berücksichtigen. Die Bürgerinnen und Bürger bekamen die Gelegenheit, aktiv an der Zukunft ihrer Gemeinde mitzuwirken. Gefragt wurde, ob sich die Reitnauer die Selbständigkeit in einer Verwaltungsgemeinschaft mit den Gemeinden Bodolz, Nonnenhorn und Wasserburg wünschten, oder ob sie lieber in die Stadt Lindau eingemeindet werden wollten.

Insgesamt 1185 Personen waren abstimmungsberechtigt. Am Ende lagen 758 gültige Stimmen vor. Das Ergebnis fiel zwar zugunsten der Stadt Lindau aus, war aber sehr knapp. 354 Stimmen entfielen auf den Vorschlag der Verwaltungsgemeinschaft, 404 Stimmen auf den Vorschlag der Eingliederung in die Stadt Lindau. Somit nahm Reitnaus Bürgermeister Fidel Härle Anfang Oktober Kontakt mit dem Lindauer Oberbürgermeister Josef Steurer auf, um über eine eventuelle Eingemeindung zu verhandeln.

Verhandlungen über den Eingemeindungsvertrag

Nach dem altersbedingten Rücktritt von Franz Xaver Strodel am 1. Oktober 1975, hatte Härle das Amt des Ersten Bürgermeisters übernommen und war nun führender Verhandlungspartner. Am 13. Oktober wurden im Lindauer Sitzungssaal die Erwartungen beider Seiten diskutiert. Härle präsentierte ein Konzept, das als Grundlage für den Eingemeindungsvertrag dienen sollte.  Als zäher Verhandler setzte er sich für Reitnau ein und sorgte auf Lindauer Seite für einiges Kopfzerbrechen.

In weiteren Sitzungen wurde der Eingemeindungsvertrag schließlich fertiggestellt. Zu den wichtigsten Punkten gehörten die Gleichbehandlung aller Bürger, der Erlass von Verwaltungsgebühren bei Umschreibungen, die Wahl eines Ortssprechers, die Fertigstellung des Sportplatzes sowie die Errichtung einer Mehrzweckhalle mit beheizbarem Freibad. Der Ausbau der Ortsdurchfahrt, die Aufstockung der Busverbindungen, die Weiterführung der Reitnauer Grundschule, Zuschüsse für Reitnauer Vereine und die Bildung eines eigenen Kinderfestausschusses waren ebenfalls Bestandteile des Vertrags.

Der endgültige Beschluss

Am 6. November 1975 stellten Bürgermeister Härle und Dr. Mager vom Rechtsamt Lindau den Vertrag bei der schwäbischen Regierung vor. Dort sollte er geprüft werden, um späteren rechtsaufsichtlichen Einsprüchen vorzubeugen. Die Regierung stimmte dem Eingemeindungsvertrag mit nur wenigen redaktionellen Änderungen zu. Als Begründung wurde angegeben, dass die Eingliederung Reitnaus nach Lindau mit den berechneten Neugliederungszahlen für diesen Raum übereinstimme und von beiden Vertragspartnern gewünscht werde.

Der letzte Schritt dieses langwierigen Prozesses erfolgte am 12. November 1975. Der Gemeinderat Reitnau und der Stadtrat Lindau stimmten in getrennten Sitzungen über den Eingemeindungsvertrag und damit über die Eingliederung Reitnaus ab. Wegen des großen Interesses war die Sitzung der Gemeinde in den Oberreitnauer Gasthof Ziegler verlegt worden. Vor rund 100 Zuhörern verlas Bürgermeister Härle den Vertrag. Um kurz nach 21 Uhr fiel schließlich die einstimmige Entscheidung des Gemeinderats für die Eingemeindung Reitnaus nach Lindau zum 1. Januar 1976. Damit war die Zukunft Reitnaus beschlossen.  

Feierlichkeiten zum Beginn eines neuen Kapitels

Am Tag der Eingemeindung wurden vor zahlreichen Zuschauern am Oberreitnauer Rathaus zwei grün-weiße Lindauer Fahnen aufgezogen. Die Stadt Lindau war nun um 1737 Einwohner und rund 160 Hektar Fläche reicher. Am 10. und 11. Januar fanden die offiziellen Festlichkeiten statt. Auf dem Hof der Toskana startete mit mehreren Bollerschüsse eine beeindruckende Demonstrationsfahrt. Begleitet von Fanfarenzügen und Musikvereinen fuhren 26 Fahrzeuge der städtischen Betriebe, der Stadtwerke, der Stadtgärtnerei, der Feuerwehr und des THW durch das gesamte Stadtgebiet. Mit an Bord waren der Lindauer Stadtrat und die städtischen Amtsleiter. Nachdem symbolisch eine Linde in Unterreitnau gesetzt wurde, folgte ein Empfang im Oberreitnauer Rathaus.

Über umjubelte Stationen in Aeschach und Reutin ging es weiter in das Alte Rathaus auf der Insel, wo der Eintrag ins Goldene Buch erfolgte. Der anschließende Festakt im Stadttheater unterstrich den Beginn eines neuen gemeinsamen Kapitels. Oberbürgermeister Steurer verkündete begeistert: „Wir sind stolz auf Reitnau, stolz auf unseren neuen Stadtteil“.

Mareike Molzon, Stadtarchivarin

Quellen: Stadtarchiv Lindau, Bestand B IV. Reitnau, Bestand Stadtratsprotokolle, Zeitungssammlung.


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