„Ich würde mir wünschen, dass Lindau wiedererkennbar bleibt“
Lindaus neuer Bauamtsleiter Dr. Jörg Spennemann im Gespräch
Seit Anfang August leitet Dr. Jörg Spennemann das Bauamt der Stadt Lindau. Im Interview spricht er unter anderem über seine ersten Wochen bei der Stadt, welche Themen und Projekte er in den kommenden Jahren voranbringen möchte und was er sich für die Zusammenarbeit mit den Lindauerinnen und Lindauern wünscht.
Herr Dr. Spennemann, erzählen Sie uns zunächst etwas über Ihren persönlichen und beruflichen Werdegang: Woher kommen Sie und wie hat es Sie nach Lindau verschlagen?
Dr. Jörg Spennemann: Ich komme ursprünglich – von hier aus dem Südwesten gesehen – von sehr weit nördlich des Mains, nämlich aus Ostwestfalen. Verschiedene berufliche Stationen haben mich über Berlin nach München geführt. Die Entscheidung, nach Lindau an den Bodensee zu ziehen, entsprang dem Wunsch, nach etwa 19 Jahren in München der Großstadt den Rücken zu kehren. Ich bin kein Großstadtkind, sondern komme aus einer kleineren Stadt und schätze kurze Wege und überschaubare Strukturen. Und natürlich ist der Bodensee einfach eine einmalige Gegend zum Leben. Als unsere beiden erwachsenen Söhne aus dem Haus waren, haben wir die Gelegenheit dann wahrgenommen und sind vor gut zwei Jahren von München hierhergezogen.
Nun haben wir einiges über Ihr Privatleben erfahren: Wie sieht Ihr beruflicher Lebensweg aus?
Dr. Jörg Spennemann: Beruflich habe ich im Bereich des öffentlichen Rechts als Rechtsanwalt angefangen. Dann bin ich in die Bayerische Staatsverwaltung gegangen. In München war ich lange bei verschiedenen Behörden tätig: im Ministerium, bei der Landesanwaltschaft beim Verwaltungsgerichtshof und im Landratsamt München jeweils in verschiedenen Aufgabenbereichen. Unter anderem war ich im Bereich Infrastrukturplanung, Bauen und Umwelt tätig. Von daher liegen mir die Themen, die hier im Stadtbauamt bearbeitet werden, sehr gut.
Sie sind seit Anfang August neuer Bauamtsleiter in Lindau: Wie waren Ihre ersten Wochen?
Dr. Jörg Spennemann: Die ersten Wochen waren sehr arbeitsintensiv, weil es einfach eine unglaubliche Vielfalt an Themen gibt, eine Vielzahl an Konzepten und Planungen, die zum Teil langjährige Vorgeschichten haben. Das sollte ich kennen, denn diese Vorgaben sind natürlich auch die Richtschnur für das Handeln der Verwaltung im Bauamt. Gleichzeitig bin ich begeistert vom Einsatz und von der Fachkenntnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Alles in allem bin ich sehr zufrieden, wie sich die neue Aufgabe entwickelt.
Was hat Sie an Lindau und der neuen Aufgabe gereizt?
Dr. Jörg Spennemann: Es ist natürlich die Stadt an sich und ihre Lage hier im Dreiländereck. Sie hat eine wunderbare Größe. Eine Stadt mit 25.000 Einwohnern ist nicht ganz klein, es gibt eine Menge an interessanten Themen, aber es ist trotzdem noch überschaubar. Eine Stadt der kurzen Wege, eine Stadt, in der man sich einfach schnell kennt und in der sich die Akteure immer wieder über den Weg laufen, das finde ich sehr reizvoll. Und natürlich ist die städtebauliche Gestalt von Lindau mit der Insel und den Ortsteilen am Festland bis hin zu den kleinen Ortsteilen dörflicher Natur im Hinterland wunderbar vielseitig.
Was wollen Sie im Bauamt als Erstes anpacken? Welche Themen und Projekte haben oberste Priorität?
Dr. Jörg Spennemann: Die obersten Prioritäten setzt natürlich der Stadtrat. Wir sind gerade dabei, den städtebaulichen Wettbewerb Berliner Platz durchzuführen. Auch mit der Bahn haben wir immer wieder wichtige Themen und viele Abstimmungsverfahren, bei denen wir dranbleiben müssen. Das gilt genauso für andere politisch priorisierte Projekte wie beispielsweise Schulbau und Sportstätten. Gerade beim Freibad Oberreitnau würde ich gerne auch bald einen Schritt weiterkommen. Wichtig ist mir natürlich auch, dass im Bauamt eine konstruktive Arbeitsatmosphäre herrscht, dass alle zielgerichtet und vertrauensvoll miteinander arbeiten können.
Was ist Ihnen beim Bauen und bei der Stadtentwicklung besonders wichtig?
Dr. Jörg Spennemann: Auch wenn es antiquiert klingt, denke ich schon, dass die meisten Menschen, die in Lindau leben, hier gerne leben, weil sie es schön finden. Und die städtebauliche Gestalt einer solchen Stadt ist für das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner unschätzbar wichtig. Mir ist insgesamt ein Anliegen, dass wir nicht einfach nur bauen, sondern uns fragen, wie wir bauen, wie wir den Bestand erhalten, wie und wo wir weiterentwickeln. Dabei dürfen wir keinesfalls am Bedarf vorbeibauen.
Interessanterweise haben wir 2025 das erste Mal einen dramatischen Einbruch der Geburtenzahlen erlebt. Das wird sich auch in der Stadtentwicklung niederschlagen. Ein anderes Thema ist: Für welches Segment bauen wir Wohnungen? Das Preissegment muss für alle Bevölkerungsgruppen, die Wohnungen suchen, leistbar sein.
Was wünschen Sie sich für die Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern?
Dr. Jörg Spennemann: Ich würde mir sehr wünschen, dass es eine Kultur des Vertrauens gibt. Dass wir auf die Bürgerinnen und Bürger so zugehen, dass diese den Eindruck haben können, die Verwaltung kümmert sich objektiv um ihre Belange. Natürlich heißt Bürgerbeteiligung nicht, dass wir jedes einzelne Interesse immer berücksichtigen können. Aber wir müssen abwägen und uns damit auseinandersetzen. Ich würde mir wünschen, dass diese Prozesse so strukturiert und kommuniziert werden, dass das Ergebnis immer Akzeptanz findet. Auch dann, wenn ein Individualinteresse nicht berücksichtigt werden kann.
Wie soll unsere Stadt in fünf oder zehn Jahren aussehen?
Dr. Jörg Spennemann: Ich würde mir wünschen, dass Lindau wiedererkennbar bleibt. Dass Veränderungen behutsam vorgenommen werden. Und ich würde mir auch wünschen – das ist sicher auch ein Projekt, das ich bald angehen werde –, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir kostengünstig und trotzdem ansehnlich und qualitativ hochwertig bauen können. Das sind die Ansätze, die sich meines Erachtens mittel- und langfristig im Stadtbild niederschlagen sollten. Und das bleibt eine spannende Aufgabe für alle Beteiligten!
