Baumschutz zukunftsfähig weiterentwickeln
Werkausschuss lehnt Prüfung einer Baumschutzverordnung zunächst ab – erneute Beratung für 2028 vorgesehen
Sturm, Gewitter und Hitze haben in diesem Jahr vielen Bäumen in Lindau zugesetzt. Mehrere Bäume mussten aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden. Auch im Winter werden weitere Fällungen nötig sein. Angesichts des Klimawandels und seiner Folgen stellt sich daher zunehmend die Frage, wie gesunde Bäume in Lindau langfristig geschützt und erhalten werden können.
Im jüngsten Werkausschuss am Mittwoch, 21. Oktober, haben die Garten- und Tiefbaubetriebe Lindau (GTL) den Baumzustandsbericht 2026/2027 vorgestellt und angeregt, die Einführung einer Verordnung zum Schutz des Baumbestands zu prüfen. Der Beschlussvorschlag wurde mit 7:4 Stimmen abgelehnt. Das Thema ist damit jedoch nicht vom Tisch: Ende 2028 wird erneut beraten, auch wegen einer EU-Verordnung, deren Vorgaben für Lindau ab 2031 greifen.
Neben dem Schutz des Baumbestands geht es auch um die berechtigten Anliegen von Grundstückseigentümern, die Schaffung von Wohnraum und die Frage, wie viel Regulierung sinnvoll und leistbar ist.
Bäume besser vor Veränderungen schützen und bei baulichen Entwicklungen berücksichtigen
Seit dem durch die Änderung der Bayerischen Bauordnung erzwungenen Wegfall der Freiflächengestaltungssatzung zum 1. Oktober 2025 kann die Stadt häufig nur noch Empfehlungen zum Erhalt bestehender Bäume aussprechen. Eine verbindliche Handhabe, um erhaltenswerte Bäume auf privaten Grundstücken zu sichern, besteht derzeit nur im Geltungsbereich von Bebauungsplänen, die den Erhalt von Bäumen vorsehen, und in Schutzgebieten, z. B. denkmalgeschützten Gartenanlagen.
Wie relevant diese Frage ist, zeigt die Diskussion um das Kirchengrundstück in Reutin: Dort wurde die Sorge geäußert, dass die hohen, alten Bäume zwischen Pfarrhaus und Haug am Brückele nicht erhalten werden könnten. Derzeit hat die Stadt nur begrenzte Möglichkeiten, ihren Erhalt verbindlich einzufordern.
Eine Verordnung zum Schutz des Grünbestands könnte hier neue Möglichkeiten eröffnen. Denkbar wären beispielsweise Regelungen, die bestimmte Bäume ab einem festgelegten Stammumfang unter Schutz stellen, ihre Fällung genehmigungspflichtig machen und den Wurzelbereich bei Bauarbeiten sichern. Auch Ersatzpflanzungen und Beratungsangebote könnten Bestandteil eines solchen Regelwerks sein.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, bauliche Entwicklungen grundsätzlich zu verhindern oder Grundstückseigentümern notwendige Erweiterungen zu verwehren. Vielmehr soll frühzeitig geprüft werden können, wie ortsbildprägende und ökologisch wertvolle Bäume bei Bauvorhaben möglichst erhalten werden können. Auch nach Erlass einer Baumschutzverordnung gäbe es keinen generellen Vorrang des Baumschutzes vor zulässigem Baurecht.
Unterschiedliche Interessen abwägen
Entsprechende Vorstöße für einen verbindlicheren Baumschutz wurden in der Vergangenheit mehrfach abgelehnt. Gegenargumente sind unter anderem ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand, der erforderliche Personalbedarf für Beratung und Kontrollen, mögliche Eingriffe in das Eigentumsrecht sowie die Sorge, dass zusätzliche Vorgaben die Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum erschweren könnten.
Diese Anliegen müssen ebenso ernst genommen werden wie die zunehmende Bedeutung eines widerstandsfähigen Baumbestands für das Stadtklima, die Artenvielfalt und die Lebensqualität in Lindau. Es geht deshalb nicht um ein einfaches Dafür oder Dagegen, sondern darum, die unterschiedlichen Zielsetzungen sorgfältig gegeneinander abzuwägen und eine ausgewogene, zukunftsfähige Antwort zu finden.
„Die Rahmenbedingungen und Herausforderungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Deshalb sollten wir die bisherigen Argumente neu bewerten und gemeinsam überlegen, welche Lösungen heute für Lindau sinnvoll und angemessen sind. Dabei sollten auch die Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden“, betont Oberbürgermeisterin Dr. Claudia Alfons.
Erneute Beratung 2028 bleibt wichtig
Bis zur erneuten Beratung Ende 2028 wird das Thema zunächst nicht weiterverfolgt. An der grundsätzlichen Bedeutung eines wirksamen Baumschutzes ändert dies aus Sicht der Stadt nichts.
Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur erhöht den Handlungsdruck zusätzlich. Sie verpflichtet Lindau dazu, ab 2031 sowohl seine Grünflächen als auch die von Bäumen beschirmten Flächen nicht nur zu erhalten, sondern auszubauen.
„Wir können den Erhalt und die Entwicklung unseres Baumbestands nicht allein als Stadt leisten. Dafür brauchen wir auch die Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger“, betont Andreas Bauer, Werkleiter der GTL. Da Jungbäume viele Jahre benötigen, bis sie die ökologische Wirkung großer Bäume entfalten, müsse vorausschauend gehandelt werden.
Klimawandel setzt Bäumen im Stadtgebiet zu
Hintergrund der Diskussion war der von der GTL vorgestellte Baumzustandsbericht 2026/2027. Insgesamt mussten 164 Bäume aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden.
Hauptursachen sind Trockenstress, Hitze und Sonnenbrand, Insekten- und Pilzbefall sowie das Eschentriebsterben. Hinzu kommen zu kleine Baumstandorte und Wurzelschäden durch frühere Leitungs- und Bauarbeiten.
Besonders betroffen sind in diesem Jahr jüngere Bäume zwischen zehn und 30 Jahren im Verkehrsbegleitgrün. Viele von ihnen sind stark geschwächt (Vitalitätsstufe 4 bis 5). Am häufigsten betroffen sind Eschen (Eschentriebsterben), Weiden (Weidenbohrer), Ahorne (Brandkrustenpilz, Trockenstress) und Eichen (Schwefelporling).
Jeder kann helfen: Baumspenden willkommen
Auch Lindauerinnen und Lindauer können aktiv zum Erhalt und zur Entwicklung des städtischen Baumbestands beitragen. Das Interesse an Baumspenden aus der Bürgerschaft war bereits in der Vergangenheit groß. Die Stadt freut sich über dieses Engagement und nimmt Baumspenden auch weiterhin gerne entgegen. Informationen dazu gibt es auf der Webseite der Stadt Lindau unter www.stadtlindau.de/spenden.
